Märchen & Sagen

Hofgeismarer Sagen

Die Sage vom Reinhardswald

Zwischen Weser, Diemel, Esse und Fulda erstreckt sich der sagenumwobene Reinhardswald. Vor ungefähr 700 Jahren wurde hier Korn angebaut, als die Getreidepreise noch sehr hoch waren und die Leute aus den Taldörfern fortzogen, um im Wald Huteeichen zu schlagen und den Waldboden zu pflügen. Zu eben dieser Zeit lebte dort der Graf Reinhard, dem alles Land und alle Dörfer zwischen Diemel und Weser gehörten. Er war ein besessener Spieler, doch war das Glück selten auf seiner Seite, sondern meistens auf der seines Gegners, dem Bischof von Paderborn. Als der Graf wieder einmal verloren hatte, schlug er ein letztes Spiel vor und setzte seine gesamte Grafschaft aufs Spiel.

Die Würfel fielen und er war ruiniert. So schnell gab sich Graf Reinhard jedoch nicht geschlagen. Voller List fragte er den Bischof, ob es ihm vergönnt sei, noch eine letzte Aussaat und Ernte auf seinem Boden vorzunehmen.
Der Bischof von Paderborn war damit einverstanden. Aber was säte der Graf im Herbst? Nichts als Eicheln und Bucheckern. Die Dörfer ließ er niederbrennen und die alten Hofstätten dem Erdboden gleichmachen.
Im Frühjahr reckten sich die jungen Bäumchen und es grünte talauf und talabwärts. Als der Bischof im Herbst wiederkam, um seinen Besitz anzutreten, führte ihn der listige Graf hinaus in die Flur. „Ihr seht ja, Herr Bischof, meine Ernte ist noch nicht soweit, Ihr müsst Euch noch etwas gedulden“. Bischof und Graf sind wohl darüber gestorben, denn immer noch rauschen die Eichen und Buchen im Reinhardswald.

Die Würfelturmsage

Im Jahre 1400 war bei Fritzlar der Herzog von Braunschweig ermordet worden. Als Haupttäter galt alsbald Friedrich von Hertingshausen, zu jener Zeit Amtmann des Erzbischofs in der zu Mainz gehörenden Stadt Hofgeismar. Landgraf Hermann von Hessen und die Braunschweiger Herzöge versuchten zunächst vergebens, den Mörder im damals Mainzer Eichsfeld zu fassen. Im nächsten Jahr belagerten sie die Stadt Hofgeismar, in welche sich Friedrich von Hertingshausen geflüchtet hatte.

Man kann sich in unserer Zeit kaum vorstellen, wie entbehrungsreich das Leben in einer eingeschlossenen Stadt, aber auch wie schwierig die Versorgung des großen Hessischen und Braunschweigischen Heerhaufens vor der Stadt gewesen ist. Monate gingen ins Land. Der Stadt Hofgeismar wurde mancher Schaden zugefügt (Brände von Häusern, Zerstörung in der Feldflur und an den Mühlen der Stadt). Und genau hier beginnt die Sage vom Würfelturm – die Erklärung für das glückliche Ende der Belagerung. Da beide Seiten erkennen mussten, dass sie den Krieg nicht mit normalen Mitteln gewinnen konnten, wurden sich die Parteien einig, dass man würfeln sollte, und wer den besten Wurf täte, der sollte Sieger sein.

Und als nun die beiden (der eine aus dem Lager und der andere aus der Stadt) sich im Felde gegenüberstanden, tat der aus dem Lager den ersten Wurf und warf – 17!

Es gab großen Jubel bei den Belagerern, denn diese meinten, nun schon gewonnen zu haben. Über die 17 hinaus gab es ja bei drei Würfeln nur noch einen besseren Wurf und den konnte wohl keiner schaffen. Aber der wackere Vertreter der Stadt dachte: Bange machen gilt nicht! Er rüttelte und schüttelte den Würfelbecher und warf – 18! Die Stadt war gerettet und die Feinde mussten abziehen.

Stutewecken – Sage und Brauchtum bis heute

Diese Tradition geht zurück auf folgende Begebenheit:
Vor langer Zeit lebte in einer Burg auf dem Schöneberg ein Ritter mit seiner Familie. Nachdem er aus dem Krieg nicht wieder zurückkam, trauerte die Witwe sehr und konzentrierte sich ganz auf ihren Sohn Kurt. Sie stellte einen Lehrer ein, um ihn unterrichten zu lassen. Dieser verliebte sich in die Burgherrin, die diese Liebe jedoch nicht erwiderte. So rächte er sich, indem er den Ritterssohn in einen Brunnen stürzte. Nachdem Kurt nicht mehr nach Hause kam, suchte die verzweifelte Mutter überall nach ihm. Bei der Suche unterstützten sie die Kinder aus Hofgeismar. Wenn auch ihr Sohn nicht mehr lebend gefunden werden konnte, so vergaß sie die Hilfe der Kinder doch nie. Als Dank und zum Gedenken an diese uneigennützige Hilfeverfügte sie, dass immer mittwochs vor Ostern Brot an die Hofgeismarer Kinder werden solle. Seit 1428 hält sich die Tradition bis heute. Außer in den Jahren 2020 und 2021 musste dieser alte Brauch pandemiebedingt ausfallen. Ansonsten ziehen jedes Jahr am Mittwoch vor Ostern, Kinder mit ihren erwachsenen Begleitern durch die Straßen der Hofgeismarer Altstadt zur Altstädter Kirche. Dort erinnert ein kurzer Gottesdienst an das Geschehen, das Stutewecken-Lied wird gemeinsam gesungen und es werden an die Kinder, wie von der Burgherrin vor rund 600 Jahren gewünscht, die leckeren und frisch duftenden Stutewecken verteilt. Stutewecken sind sog. Gebildbrote/Brotlaibe/Brötchen in Form eines Männchens.

Tipp:

Jedes Jahr am Mittwoch vor Gründonnerstag werden die sogenannten „Stutewecken“ (plattdeutsch für „Weißbrot“) in der Altstädter Kirche an die Kinder verteilt. Vorweg wird in einem Gottesdienst dieser Überlieferung gedacht – Termin online.

Die Sage um den Wilddieb „Strufus“

Die Menschen des Ortsteils Hombressen werden auch heute noch „Die Wilddiebe“ genannt. Dieser Spitzname geht zurück auf den legendären und sagenumworbenen Strufus. In den entbehrungsreichen Jahren nach dem 30-jährigen Krieg, so heißt es, ging Strufus in den umliegenden Wäldern von Hombressen auf die Jagd und erlegte viel

Wild. Denn seine Treff sicherheit und Schnelligkeit machte ihn zu einem erfolgreichen Jäger. Doch das Sagenhafte daran war, dass er sich seine Beute mit dem armen Volk teilte. Für die Hombresser war er sowas wie ein Robin Hood, der ja den Reichen das Geld und Gold nahm, um es den Armen zu geben. Natürlich wurde dies vom Landgrafen nicht gerne gesehen und der gefürchtete Wilderer Strufus wurde seinerseits gejagt. Allerdings verfügte Strufus über einen magischen, mit silbernen und goldenen Platten beschlagenen Zaubergürtel, der es ihm erlaubte, sich im Wald zu tarnen und somit unsichtbar zu machen. Viele Schauergeschichten ranken sich um den furchteinfl ößenden Wilddieb. So soll er u. a. einmal einem Rehbock das Herz herausgerissen haben und ein anderes Mal wurde ihm ein Finger abgeschnitten, nachdem er sich als Haselstrauch getarnt hatte. Doch seinen Tod fand Strufus dann doch durch die Kugel eines Försters. Um seinen Durst am Brunnen zu stillen, hatte er seinen Zaubergürtel und seine Büchse abgelegt und war nun angreifbar. Nachdem ihn die Kugel des Försters getroff en hatte, fi el Strufus kopfüber in den Brunnen. Als der Förster hernach in den Brunnen blickte, sah er nicht etwa Strufus, sondern nur das schäumende Quellwasser des Brunnens. Noch nach Tagen schäumte das Wasser und daher legte man eine große Steinplatte auf den Brunnen. Der Leichnam von Strufus wurde nie gefunden. Ein schlichtes Steinkreuz erinnert noch heute an den Wilddieb von Hombressen. Auch blieb Strufus bis heute den Hombressern wegen seiner Wohltätigkeit in guter Erinnerung, sodass auch der Leitspruch des Dorfes ganz nach Strufus heißt: „Niemandem Herr und niemandem Knecht, so ist mein Sinn für Freiheit und Recht.“

TIPP:

Im Stadtteil Hombressen wurde dazu der Strufus-Erlebnispfad errichtet – viel Spaß beim Erkunden.