Der jüdische Friedhof in Breuna – ein offenes Buch
Der jüdische Friedhof in Breuna beeindruckt allein schon durch seine Weitläufigkeit. Er ist mit 48,82 ha einer der flächenmäßig größten im Landkreis Kassel. Seit dem 17. Jahrhundert fanden hier Juden aus Breuna, Niederelsungen, Oberlistingen, Wettesingen und Escheberg ihren letzten Ruheplatz. Auch die Juden aus Herlinghausen wurden hier beerdigt bis sie 1836 einen eigenen Friedhof einrichten konnten. Besucher und Besucherinnen stehen oft ratlos vor den Grabinschriften. Was bedeuten die hebräischen Zeilen? Und auch die Familiennamen auf den deutschen Inschriften sind vielen Einheimischen heute fremd.
Jetzt wurde an Herrn Bürgermeister Jens Wiegand ein Handbuch für Friedhofsbesucher übergeben, das die Grabsteine als stumme Zeugen der Vergangenheit zum Sprechen bringt. Ein Lageplan ermöglicht, Grabstellen nach Nummern gezielt aufzusuchen. Das Handbuch transkribiert und übersetzt die hebräischen Inschriften und fügt die Worte der oft verwitterten deutschen Inschriften hinzu. Dazu gibt es über die oder den Verstorbenen alle Informationen, die die noch vorhandenen Quellen hergeben: Dazu gehören die Herkunft, Eltern, Berufe, Ehepartner, Kinder und die Wohnadresse im Ort.
Es ist eine Zeitreise in frühere Jahrhunderte, die das Zusammenleben von Juden und Christen vor Augen führt - Juden und Christen waren oftmals auch nachbarschaftlich verbunden im Leid durch familiäre Tragödien in Zeiten hoher Kinder- und Müttersterblichkeit.
Zu der Dokumentation des heutigen Bestands an Grabsteinen wird den Verstorbenen ein Kapitel gewidmet, deren Grabsteine durch die Zerstörungen in der Zeit des Nationalsozialismus für immer verloren sind. Einen Vergleich des Bestandes von heute zu dem vom Juli 1938 ermöglichte die Auflistung der Inschriften aus dem Jahr 1937 durch Baruch Wormser aus Grebenstein. Sie sind im Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden erhalten.
Entstanden ist das Handbuch als Schul-Projekt des Stadtmuseums Hofgeismar in Kooperation mit der Gustav-Heinemann-Schule Hofgeismar. Unter der Anleitung von Julia Drinnenberg mit Gabriele Hafermaas wurde das Friedhofsgelände von Schülerinnen und Schülern einer 9. Klasse, vermessen und dokumentiert. Es ist das neunte Handbuch dieser Art, das das Stadtmuseum fertigstellen und an die jeweilige Gemeinde übergeben konnte ( jüdische Friedhöfe Hofgeismar, Grebenstein, Niedermeiser, Liebenau, Wolfhagen, Zierenberg, Sielen, Helmarshausen, Breuna und Wettesingen. Es folgen: Volkmarsen und Naumburg).
Die Übergabe des Handbuchs in Breuna erfolgte am 10. Oktober 2025 in Anwesenheit der Nachkommen der Familie Hamberg, die seit Generationen in Breuna gelebt haben. Der Friedhof ist für sie ein Ort des Gebets und der Zwiesprache mit ihren Vorfahren. Für sie war besonders berührend, zu sehen, mit welcher Sorgfalt junge Menschen den Friedhof dokumentiert haben - ein Grund zur Hoffnung auf eine friedlichere Zukunft.
